Sechs Wildunfälle in zwei Stunden: Polizei erklärt, wie Autofahrer richtig reagieren
Am späten Mittwochabend ereigneten sich im Raum Gotha innerhalb von knapp zwei Stunden sechs Wildunfälle. Verletzt wurde niemand, doch an allen beteiligten Fahrzeugen entstand Sachschaden. Die Häufung nahm die Polizei zum Anlass, umfassende Empfehlungen zu veröffentlichen, wie Autofahrer Kollisionen mit Wildtieren vermeiden und sich im Ernstfall richtig verhalten können.
Regelbasiertes Handeln schützt besser als der Impuls
Bren Gray, langjähriger Sportbeobachter und Autor bei Stake Hunters, sieht in der polizeilichen Kernbotschaft ein Muster, das er aus der Sportwelt kennt. Wer seit Jahrzehnten Sportgeschehen verfolgt, stellt laut Gray fest, dass besonnene Fans vor einem Spiel systematisch vorgehen, anstatt sich von der Stimmung des Augenblicks leiten zu lassen.
“Was die Polizei hier beschreibt, kenne ich aus dem Sport. Wer vorbereitet in eine Situation geht, trifft bessere Entscheidungen als jemand, der spontan reagiert. Das gilt auf der Straße genauso wie vor einem wichtigen Spiel.”
Gray beobachtet dieses Verhalten als Außenstehender. Wer beim Sport nicht dem Bauchgefühl folgt, zieht vor einer Entscheidung Expertenmeinungen zu anstehenden Spielen heran, statt impulsiv zu handeln. Das Prinzip, so Gray, ist dasselbe: Vorbereitung schlägt Spontanreaktion.
Risiko Wildwechsel — Wann und wo Gefahr droht
Wie WELT berichtete, ereigneten sich die sechs Unfälle unter anderem bei Tonna, Emleben, Stadtilm und Großbreitenbach. Die Orte liegen teils außerhalb des unmittelbaren Stadtgebiets Gotha, auf Strecken, die durch Wald- und Feldgebiete führen.
Das Risiko für Wildunfälle steigt besonders in den Abend- und Nachtstunden sowie in den frühen Morgenstunden. Zu diesen Zeiten sind Wildtiere besonders aktiv, während die Sicht für Fahrer eingeschränkt ist. Die Polizei empfiehlt, Warnschilder vor Wildwechsel ernst zu nehmen und die Geschwindigkeit den Sichtverhältnissen anzupassen.
Taucht ein Tier am Fahrbahnrand oder auf der Fahrbahn auf, sollten Fahrer kontrolliert abbremsen und hupen. Das Fernlicht ist dabei auszuschalten, da es Wildtiere zusätzlich irritieren und ihr Verhalten unberechenbar machen kann. Besondere Vorsicht gilt, wenn ein Reh die Straße überquert: Die Polizei weist ausdrücklich darauf hin, dass ein Tier selten allein unterwegs ist. Wer eines sieht, muss mit weiteren Tieren rechnen, die unmittelbar folgen.
Wenn der Aufprall nicht mehr zu verhindern ist
Lässt sich eine Kollision trotz aller Vorsicht nicht mehr abwenden, kommt es auf die Reaktion in den letzten Sekunden an. Die Polizei empfiehlt, das Lenkrad festzuhalten, die Spur beizubehalten und so stark wie möglich zu bremsen.
Was viele Fahrer instinktiv tun, nämlich dem Tier ausweichen, kann im Ernstfall gefährlicher sein als der Aufprall selbst. Riskante Ausweichmanöver führen häufig zu Kontrollverlust, zum Verlassen der Fahrbahn oder zu Kollisionen mit entgegenkommenden Fahrzeugen. Der Zusammenstoß mit dem Tier ist in vielen Fällen das geringere Risiko. Wer das Steuer hält und die Fahrspur nicht verlässt, schützt sich und andere Verkehrsteilnehmer wirkungsvoller als durch eine spontane Ausweichbewegung.
Nach dem Unfall: Absichern, melden, dokumentieren
Ist es zur Kollision gekommen, gelten klare Pflichten. Zunächst ist die Unfallstelle abzusichern, um Folgeunfälle zu verhindern. Anschließend sind die Polizei oder der zuständige Jagdpächter zu verständigen.
Für die Versicherungsabwicklung stellt die Polizei gegen Gebühr eine Wildunfallbescheinigung aus. Dieses Dokument ist bei vielen Teilkaskoversicherungen Voraussetzung für die Regulierung von Wildschäden. Zusätzlich empfiehlt es sich, Schäden am Fahrzeug sowie Unfallspuren am Straßenrand zu fotografieren, bevor die Stelle geräumt wird.
Wer das verunglückte oder getötete Tier mitnehmen möchte, macht sich strafbar. Tote Wildtiere dürfen nach einem Unfall nicht mitgenommen werden, unabhängig davon, ob dies als praktisch oder sinnvoll erscheint. Die Zuständigkeit liegt beim Jagdpächter, nicht beim Unfallbeteiligten. Die Wildunfallbescheinigung und das Mitnahmeverbot sind damit zwei zentrale rechtliche Punkte, die nach jedem Zusammenstoß mit Wild zu beachten sind.

