Feierlicher Auftakt der Tagung „England in Thüringen“ auf Schloss Reinhardsbrunn
Donnerstag, 7. Mai 2026 – Kapelle von Schloss Reinhardsbrunn / Friedrichroda.
Drei Tage wissenschaftlichen Austausches in der frisch sanierten Kapelle von Schloss Reinhardsbrunn beginnen – und damit drei Tage intensiver Recherche zu den kulturellen Nahtstellen zwischen Großbritannien und dem Freistaat. Am Donnerstagnachmittag wurde die Tagung „England in Thüringen: Kunst – Sport – Gärten – Architektur“ feierlich eröffnet.
In seinem Grußwort würdigte der Thüringer Kulturminister Christian Tischner die Veranstaltung und betonte die Wichtigkeit des Vorhabens:
„Schloss Reinhardsbrunn ist ein Ort, an dem sich thüringische, deutsche, britische und europäische Geschichte auf besondere Weise berühren. Die Tagung ‚England in Thüringen‘ zeigt, wie dicht und lebendig die Verbindungen zwischen Großbritannien und Thüringen bis heute sind – von dynastischen Beziehungen über Gartenkunst, Architektur und Sammlungsgeschichte bis hin zu Sport, Literatur und Wissenschaft. Sie ist ein wichtiger Baustein, um diese Beziehungen wissenschaftlich zu vertiefen und in den kommenden Jahren für ein breites Publikum kulturtouristisch sichtbar zu machen.“
Noch bis zum 9. Mai werden britische und deutsche Forscher:innen den dynastischen Beziehungen der Länder nachspüren und vor allem die daraus resultierenden kulturellen Impulse beleuchten. Den Anfang machte Prof. Dr. Benedikt Stuchtey von der Universität Marburg mit seinem Eröffnungsvortrag „Eminent Victorians und der Kulturtransfer zwischen Empire und Thüringen“.
„Diese Konferenz im wunderschönen Schloss Reinhardsbrunn bietet die Möglichkeit, die Verbindungen zwischen Großbritannien und Thüringen – historisch wie modern – zu erforschen und zu feiern“, sagte der britische Botschafter in Deutschland Andrew Mitchell, CMG, der ebenfalls zugegen war und der Veranstaltung damit zusätzliche Bedeutung verlieh.
Die Verbindung zwischen Großbritannien und Thüringen
Auf den ersten Blick mag diese Verbindung verwundern. Ein Empire auf der einen Seite und ein dynastisch zersplitterter Landstrich in Mitteldeutschland auf der anderen. Großbritannien und Thüringen teilen jedoch eine lange Tradition des Kulturtransfers, die vor allem auf den dynastischen Beziehungen beruht – besonders prominent ist jene der Familie von Sachsen-Coburg und Gotha, aus der die heutige britische Königsfamilie hervorgegangen ist.
„Die Tagung ‚England in Thüringen‘ auf Schloss Reinhardsbrunn beleuchtet die vielseitigen Anknüpfungspunkte zwischen England und Deutschland seit dem 18. Jahrhundert. Nicht zuletzt fanden die Beziehungen beider Staaten auch durch die persönlich-familiären Beziehungen meiner Familie durch die Heirat von Albert Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha mit seiner Cousine Victoria, der späteren Königin von Großbritannien, ihre Fortführung in der Neuzeit. Daher freue ich mich sehr darüber, dass neben diesen familiären Verbindungen nun auch die kulturell‑gesellschaftlichen Nahtstellen zwischen England und Deutschland im Mittelpunkt dieser Tagung stehen“, sagt S. H. Prinz Hubertus von Sachsen-Coburg und Gotha in seinem Grußwort.
Grundlage für ein touristisches Themenjahr
Ziel der Tagung ist es, Wissen zu bündeln, deutsche und britische Fachleute zu vernetzen und so ein wissenschaftliches Fundament für ein größeres Vorhaben zu schaffen: Das Treffen ist Grundlage für ein Themenjahr 2029/2030, das die historisch engen Beziehungen zwischen Thüringen und England der breiten Öffentlichkeit auf nationaler und internationaler Ebene vermitteln und das Thema dauerhaft im kulturtouristischen Angebot des Freistaats verankern möchte.
In Zusammenarbeit mit der Thüringer Tourismus GmbH (TTG) sollen neben einer Ausstellung an verschiedenen Standorten touristische Angebote entwickelt werden. Es ist ein dankbares Thema, für das es feste Ankerpunkte in ganz Thüringen gibt: Dazu gehören Gotha mit dem Friedenstein und der Pferderennbahn Gotha-Boxberg, Meiningen, Greiz, Schloss Altenstein und Schloss Reinhardsbrunn.
„Auf und rund um den Friedenstein wird die Verbindung zwischen England und Thüringen auf sehr ästhetische Art und Weise sicht- und erlebbar: in Gestalt von herausragenden Exponaten wie den japanischen Lackarbeiten oder ägyptischen Mumien im Herzoglichen Museum oder im Schlosspark, der zu den ersten Landschaftsgärten auf dem Europäischen Festland zählt“, sagt Dr. Tobias Pfeifer-Helke, Direktor der Friedenstein Stiftung Gotha (FSG).
Förderung durch das TMBWK und wissenschaftlicher Beirat
Für die inhaltliche und wissenschaftliche Vorbereitung des Themenjahres fördert das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (TMBWK) die Stelle einer Programmkoordinatorin, die bei der Friedenstein Stiftung Gotha angesiedelt ist.
Dr. Angelika Eder, die auch die Tagung organisiert hat und Kontakte zu britischen Kulturinstitutionen knüpft, sagt: „Gerade in Zeiten von Spaltung und Misstrauen ist es wichtig, dass Europa sich auf seine gemeinsame Geschichte und die gemeinsamen Wurzeln besinnt. Die Tagung in Reinhardsbrunn soll die Beziehungen der Länder insbesondere wissenschaftlich beleuchten, um eine fundierte Basis für das Jahr 2030 zu schaffen. Sie versteht sich als Spurensuche, die Impulse für touristische Angebote geben soll.“
Begleitet wird das Projekt von einem wissenschaftlichen Beirat, dem Dr. Tobias Pfeifer-Helke (FSG), Dr. Timo Trümper (FSG), Dr. Claudia Fenske (TMBWK), Martina Maaß (TTG), Dipl.-Phil. Ute Däberitz (selbstständige Kunsthistorikerin), Prof. Dr. Sonja Fielitz (Universität Marburg, Institut für Anglistik und Amerikanistik) und Johann Philipp Jung (Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur) angehören. Im Anschluss an die Tagung soll ein Tagungsband mit den Ergebnissen veröffentlicht werden.
Veranstalter der Tagung ist die Friedenstein Stiftung Gotha, gefördert durch das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie den Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V. – ASKI aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Hintergrund: herausragende Personen, die beide Länder verbinden
Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg heiratete 1736 den britischen Thronfolger Friedrich Ludwig, Prince of Wales. Durch ihren Sohn, den späteren König Georg III. kann sie die Zukunft der britischen Krone sichern. In Großbritannien wird Augusta als Vorreiterin und Förderin der Gartenkunst verehrt, denn unter ihrer Regie wurden die Royal Botanical Gardens in Kew (London) maßgeblich erweitert.
Adelheid von Sachsen-Meiningen (1792–1849) heiratete den späteren britischen König Wilhelm IV. und wurde Königin des Vereinigten Königreichs. Bei ihren Untertanen war sie vor allem durch ihr soziales Engagement beliebt, auch für ihre Heimatstadt setzte sie sich ein. Ohne sie und ihre finanzielle Unterstützung hätte Georg II von Sachsen-Meiningen, dessen zweihundertsten Geburtstag Thüringen dieses Jahr feiert, nicht den Ruhm erlangt und Meiningen zu einem Zentrum europäischen Theaters gemacht. Die Stadt Adelaide in Australien ist nach ihr benannt.
Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819–1861) heiratete 1840 Queen Victoria von Großbritannien und Irland (1819 – 1901). Durch diese Ehe trägt das britische Königshaus bis 1917 (Änderung in Windsor) den Namen Sachsen-Coburg und Gotha. Die Kinder heirateten in die führenden Häuser des europäischen Hochadels ein, weshalb viele Königshäuser noch heute von den Sachsen-Coburg und Gotha abstammen.
Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha, Duke of Edinburgh, übernahm 1893 im gleichnamigen Herzogtum die Regierung. Damit wurde zum ersten Mal ein britischer Prinz (zweiter Sohn von Victoria und Albert) Herrscher auf einem thüringischen Thron.
Carl Eduard (ein Enkel von Queen Victoria), geboren in England, war bis 1918 der letzte regierende Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha. Nach seiner Abdankung war er ein großer Bewunderer der Nazis und sorgte im ersten Weltkrieg durch Bombenflugzeuge der Gothaer Waggonfabriken für eine sehr negative Besetzung des Namens „Gotha“ in Großbritannien.


