Wie Datenmodelle den Profifußball neu ordnen und Millionen bewegen
Im August 2024 veröffentlichten die DFL und ihre Tochter Sportec Solutions neue Zahlen zur Datenerfassung in der Bundesliga. Erhoben werden Positionsdaten in Echtzeit für alle Spieler, ergänzt durch Eventdaten wie Pässe, Torschüsse oder Ballkontakte. Das sind die Grundlagen für Leistungsanalysen, die viele herkömmliche Statistiken in den Schatten stellen. So werden unter anderem Beschleunigungen, Laufstrecken und Positionswechsel bis auf eine Zehntelsekunde genau gemessen. Die Bundesliga setzt diese offiziellen Spieldaten inzwischen seit mehreren Jahren zentral und standardisiert ein, um einheitliche Leistungsprofile zu erstellen.
In England setzt die Premier League auf ähnliche Tracking-Verfahren. Laut ihrem Geschäftsbericht zur Saison 2022/23 erzielten die 20 Klubs zusammen 6,0 Milliarden Pfund Einnahmen. Ein großer Teil davon fließt in Infrastruktur, darunter auch in Analyseabteilungen. Daten sind längst ein fester Bestandteil der Wertschöpfung.
Ein anschauliches Beispiel für den Wandel ist Brighton & Hove Albion. Der Klub holte 2022 Moisés Caicedo für 4,5 Millionen Pfund und verkaufte ihn im Sommer 2023 für 115 Millionen Pfund an den FC Chelsea weiter. Die Bewertung beruhte dabei nicht allein auf Toren oder Vorlagen. Der Verein arbeitet mit einem datenbasierten Scouting-System, bei dem auch körperliche Leistungsdaten, die Intensität des Pressings oder Ballfortschritte bei einem Spieler betrachtet werden. Brighton-Manager Dan Ashworth sagt im Premier League-Geschäftsbericht für 2023, zwischen 2018 und 2023 hätten seine Klubs 100 Mio. Pfund mit Transfereinnahmen mehr als eingenommen als für Spieler gezahlt.
Wie xG-Modelle Entscheidungen verschieben
Expected Goals sind ein Datenmodell, das die Wahrscheinlichkeit misst, mit der eine Torchance am Ende zu einem Treffer führen wird. Die DFL erklärt in ihrer offiziellen Dokumentation, dass sie eine Wahrscheinlichkeit für einen Treffer ermittelt, die auf historischen Daten von sehr ähnlichen, vergleichbaren Torchancen basiert. Distanz zum Tor, Winkel, ob ein Spieler den Ball vorgelegt hat, schießen konnte und wie er stand, all das fließt in xG ein. Für die Saison 2023/24 lag der Schnitt bei 2,97.
Das ändert die Wahrnehmung. Ein 1:0-Sieg, bei dem die eigene Mannschaft am Ende nur eine xG von 0,6 hatte, aber der Gegner 2,1, wird intern anders eingeordnet, als ob man ein knappes 1:0 erzielt hat, obwohl man hundertprozentig überlegen war. Die Vereine reagieren. Laut einer 2023 veröffentlichten Studie der Uni Köln zur Verwendung von Sportanalytik im Profifußball geben 78 Prozent der befragten Erstligisten in Deutschland an, eigene Datenabteilungen mit mindestens drei Vollzeitkräften zu beschäftigen.
Rund um diese datengetriebenen Bewertungsmodelle entstehen auch tägliche Sportwetten Prognosen von Experten, die auf vergleichbaren statistischen Modellen beruhen und Spielverläufe quantifizieren. Sie greifen auf dieselben Rohdaten zurück, die auch Vereine für ihre internen Analysen nutzen.
Belastungen steuern wird zur wirtschaftlichen Größe
Verletzungen kosten Geld. Seit 2001 veröffentlicht die UEFA die Elite Club Injury Study. Ein im British Journal of Sports Medicine 2021 publizierter Rückblick über 18 Jahre kommt zu dem Ergebnis, dass die Verletzungsrate im Training bei 3,4 Verletzungen je 1000 Stunden liegt. Zugleich ging die Gesamtverletzungsrate im Beobachtungszeitraum leicht zurück, und die Forscher führen das vor allem auf Prävention zurück.
Trackingdaten liefern die Grundlagen. Wearables erfassen Belastungen im Sprint und die Herzfrequenz. Clubs wie der FC Bayern München arbeiten eigenen Angaben zufolge schon 2022 zunächst mit fremden Sporttechnologieanbietern zusammen, um Belastungsspitzen zu erkennen. Ein Muskelfaserriss, der einem Topstar in einer Champions-League-Saison für acht Wochen ausfallen lässt, kann ein Millionenausfall sein.
Die neue Champions-League-Struktur und ihre Folgen
Seit der Saison 2024/25 spielen 36 Teams in einer Ligaphase statt 32 in Gruppen. Die UEFA beschloss das Format im Mai 2022, wie im offiziellen Reformdokument festgehalten. Jedes Team bestreitet acht Spiele gegen wechselnde Gegner. Mehr Spiele bedeuten mehr Datenpunkte.
Die UEFA bezifferte die Gesamteinnahmen der Champions League 2022/23 auf 3,6 Milliarden Euro. Ein erweitertes Format steigert die Medienrechte. Für Analysten entsteht eine größere Datenbasis, um Leistungsniveaus über nationale Ligen hinweg zu vergleichen.
Mehr Spiele erhöhen zugleich die physische Belastung. Die FIFA warnte 2023 in einem Bericht zur Spielerdichte vor einem Anstieg der durchschnittlichen Einsatzminuten bei Topspielern. Laut FIFA Professional Football Report 2023 überschritten 54 Prozent der untersuchten Profis die Marke von 55 Pflichtspielen pro Saison.
Scouting mit Computer Vision
Nicht jede Liga verfügt über ein dichtes Kameranetz. Anbieter wie SkillCorner generieren laut Unternehmensangaben 2024 Trackingdaten aus Broadcast-Bildern mittels Computer-Vision-Verfahren. Das erlaubt es Vereinen, Spieler aus kleineren Ligen statistisch vergleichbar zu machen.
Ein Beispiel liefert die Transferstrategie von Union Saint-Gilloise in Belgien. Der Club, mehrheitlich im Besitz von Tony Bloom, arbeitet mit Datenmodellen, die Spielerprofile auf Pressing- und Laufintensität filtern. Laut dem Jahresbericht des belgischen Fußballverbandes 2023 erreichte der Verein erstmals seit Jahrzehnten die Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs. Investitionen in Analysepersonal stiegen laut Clubangaben seit 2019 kontinuierlich.
Daten ersetzen nicht die Sichtung im Stadion. Sie reduzieren Streuverluste.
Marktvolumen der Sportanalytik
Das Marktforschungsunternehmen Fortune Business Insights bezifferte im Report „Sports Analytics Market Size 2024“ das globale Marktvolumen für Sportanalytik im Jahr 2024 auf 4,79 Milliarden US-Dollar. Die Prognose bis 2032 sieht ein jährliches Wachstum von 21,3 Prozent. Grundlage sind Investitionen von Vereinen, Ligen und Medienhäusern.
Parallel dazu meldete Statista für 2024 einen weltweiten Umsatz der Gaming-Industrie von 522 Milliarden US-Dollar bis 2025. Analytische Systeme fließen in Spielsimulationen ein, in Broadcast-Grafiken, in Leistungsbewertungen.
Zahlen wandern zwischen Branchen.
Die Verschiebung von Machtstrukturen
Trainer treffen weiterhin Entscheidungen. Doch Vertragsverlängerungen orientieren sich zunehmend an Kennzahlen. Der Deutsche Fußball-Bund veröffentlichte 2024 im „Report Profifußball“ Zahlen zur Trainerverweildauer. In der Bundesliga lag die durchschnittliche Amtszeit bei 1,8 Jahren. Leistungsmetriken beschleunigen Bewertungen.
In der Saison 2023/24 wurden laut DFL 107 Trainerwechsel in den ersten drei Profiligen Deutschlands registriert. Daten liefern Argumente. Geduld sinkt.



