35 Jahre deutsche Einigkeit: So hat sich die Wirtschaft entwickelt

Foto von Ann Buht
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Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung zeigt sich: Ostdeutschland mag zwar wirtschaftlich beeindruckende Fortschritte erzielt haben, doch von echter Gleichstellung mit dem Westen ist man weiterhin entfernt. Eine aktuelle Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) macht ganz deutlich klar, dass das Wachstum im Osten stagniert und in einigen Bereichen sogar rückläufig ist. Besonders bei Innovation, Digitalisierung und Fachkräftegewinnung droht der Region, dass sie den Anschluss verliert.

Ostdeutschland holt auf – aber so langsam wie noch nie zuvor

Mit dem Fall der Mauer hat sich die Wirtschaft in den neuen Bundesländern grundlegend verändert. Die Fabriken wurden modernisiert, Infrastruktur ausgebaut und Förderprogramme umgesetzt. Doch nach 35 Jahren erreicht die Wirtschaftsleistung in Ostdeutschland im Schnitt nur rund 78 Prozent des Niveaus in Westdeutschland. Das hat jetzt das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln im Zuge einer neuen Untersuchung festgestellt.

Für die Studie haben die Forscher den sogenannten IW-Einheitsindex herangezogen, der zentrale Kennzahlen wie Produktivität, Kapitalstock, Beschäftigungsquote und Innovationskraft berücksichtigt. Das Ergebnis ist durchaus ernüchternd: Während in den 1990er- und frühen 2000er Jahren eine deutliche Aufholbewegung beobachtet werden konnte, hat sich das Tempo aber seit rund fünf Jahren deutlich verlangsamt. „Der Angleichungsprozess ist faktisch zum Stillstand gekommen“, heißt es in der Analyse. Es gibt sogar Indikatoren, etwa bei Investitionen und Beschäftigung, da ist der Osten zuletzt sogar leicht zurückgefallen.

Aber die Stagnation kommt nicht überraschend. Nach dem Vereinigungsboom, der mit massiven Investitionen und Subventionen verbunden war, hat sich die Dynamik abgeschwächt. Die großen Wachstumsimpulse aus Bau und Infrastruktur sind zudem ausgeschöpft und die demografische Entwicklung fungiert als Bremse.

Demografie als unsichtbare Wachstumsbremse

Der zentrale Faktor für die anhaltende wirtschaftliche Kluft liegt in erster Linie in der Bevölkerungsstruktur. Der Osten des Landes altert schneller als der Westen. Im Jahr 2022 war bereits mehr als jeder vierte Ostdeutsche älter als 65, während dieser Anteil in den westlichen Bundesländern bei nur rund 21 Prozent lag.

Diese demografische Entwicklung schlägt sich natürlich auch in der Erwerbsbeteiligung nieder. Laut IW beträgt sie im Osten nur etwa 86 Prozent des westdeutschen Wertes und stagniert seit Jahren. Dadurch stehen weniger verfügbare Arbeitskräfte zur Verfügung, was wiederum für eine geringere Produktivität sorgt und dadurch sinkt auch das regionale Wachstumspotenzial.

Zudem kommt noch hinzu, dass viele junge, gut ausgebildete Menschen den Osten verlassen, um im Westen oder auch im Ausland bessere Karrierechancen zu nutzen. Auch wenn ein Großteil zurückkommt, so bleibt am Ende doch der sogenannte „Braindrain“ ein Problem. Ohne gezielte Zuwanderung und eine aktive Fachkräftestrategie könnte sich der Arbeitskräftemangel in den kommenden Jahren weiter verschärfen.

Innovationslücke zwischen Ost und West

Besonders groß ist vor allem der Rückstand in der Forschung und Entwicklung. Laut der IW-Studie arbeiten drei Viertel aller Beschäftigten im Bereich der Forschung und Innovation in Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden. So große Unternehmen sind in Ostdeutschland aber die Ausnahme. Das ist auch der Grund, warum die Zahl der Patentanmeldungen im Osten weiterhin deutlich unter der des Westens liegt. Statistisch gesehen bringen westdeutsche Firmen fünfmal so viele Patente hervor wie ihre ostdeutschen Pendants.

Auch im Bereich der Technologie bleibt der Osten hinter den Erwartungen zurück. Zwar hat sich in den vergangenen Jahren eine lebendige Start-up-Szene entwickelt, allen voran in den Städten wie Leipzig, Dresden und Jena, doch flächendeckend sind viele Unternehmen noch immer zögerlich, wenn es um die Einführung digitaler Prozesse geht. Laut Unternehmensbefragungen trägt die Informations- und Kommunikationsbranche in Ostdeutschland nicht einmal 3 Prozent zur gesamten Bruttowertschöpfung bei. Das deutet auf erhebliche Defizite bei der Digitalisierung und Vernetzung hin.

Ein weiterer Schwachpunkt sind die Investitionen. In den Jahren nach der Wiedervereinigung war der Osten schlichtweg der Magnet für Fördermittel. Zum Teil lagen die Investitionen pro Kopf um 50 Prozent über dem westdeutschen Niveau. Aber dieser Schwung ist längst vorbei. Seit dem Jahr 2010 verharren die Investitionen konstant bei rund 70 Prozent des Westwerts.

Eine durchaus problematische Entwicklung, denn gerade Investitionen bestimmen am Ende, wie stark eine Region künftig wachsen kann. Ohne ausreichende Mittel für Forschung, Infrastruktur oder Digitalisierung verliert Ostdeutschland weiter an Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem im ländlichen Raum erschweren eine schwache Netzinfrastruktur und Fachkräftemangel den Anschluss an den wirtschaftlichen Fortschritt. Wobei im Bereich der Digitalisierung auch der Westen seine Schwächen hat.

Auch deshalb, weil die Digitalisierungsoffensive der Bundespolitik seit Jahren nicht umgesetzt wird oder man auf das falsche Pferd setzt. Während es heutzutage etwa schon Online Casinos gibt, über die man die Daten nicht verifizieren muss, weil im Hintergrund mit entsprechenden Zahlungsanbietern gearbeitet wird, sodass man gleich loslegen kann, ist bei Anbietern mit deutscher Lizenz nicht einmal ein Live Casino im Angebot enthalten. Statt auf Kryptowährungen zu setzen, um alternative Zahlungsmethoden anbieten zu können, gibt es ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro – natürlich plattformübergreifend.

IW-Ökonom Klaus-Heiner Röhl fordert daher auch mehr Offenheit gegenüber Innovation. „Eine vollständige Angleichung an Westdeutschland ist kurzfristig nicht realistisch“, so Röhl. „Aber mit gezielten Maßnahmen kann die wirtschaftliche Dynamik gestärkt werden.“ Dazu verweist er insbesondere auf die Integration ausländischer Fachkräfte, den Ausbau digitaler Infrastruktur und es geht auch um eine engere Vernetzung zwischen Forschungseinrichtungen, Start-ups und etablierten Unternehmen.

Zwischen Aufholjagd und Selbstbewusstsein

Auch wenn es anhaltende Unterschiede gibt, so darf die Erfolgsgeschichte Ostdeutschlands keineswegs kleingeredet oder gar übersehen werden. Die Produktivität hat sich seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 mehr als verdoppelt. Zahlreiche Regionen haben sich zu attraktiven Standorten für Technologie, Maschinenbau oder erneuerbare Energien entwickelt. Städte wie Leipzig oder Dresden ziehen heutzutage die Investoren aus dem In- und Ausland an, etwa im Bereich der Halbleiterproduktion und auch bei grünen Technologien.

Doch der Weg zur wirtschaftlichen Gleichstellung bleibt lang. Der IW-Einheitsindex, der auch Produktivität, Bildung, Arbeitslosenquote und den Anteil der Selbstständigen berücksichtigt, zeigt zwar Fortschritte, aber eben keine Konvergenz. Der Osten wächst, aber nicht schneller als der Westen. Damit bleibt der Abstand bestehen.

In dieser Entwicklung sehen die Experten aber auch eine psychologische Komponente. Während sich viele Menschen im Westen kaum noch mit der „Einheitsdebatte“ beschäftigen, ist sie im Osten weiterhin spürbar. Die ökonomische Ungleichheit prägt die Selbstwahrnehmung und die politische Stimmung. Deshalb, so Röhl, müsse die wirtschaftliche Entwicklung künftig stärker mit gesellschaftlicher Teilhabe und Bildung verknüpft werden.

Der Osten muss zuversichtlich in die Zukunft blicken

Das Fazit der IW-Analyse fällt letztlich nüchtern aus: Ostdeutschland hat viel zwar erreicht, aber die großen Herausforderungen stehen der Region erst bevor. Alterung, Fachkräftemangel, Digitalisierung und Innovationsschwäche bedrohen das bisher Erreichte.

Damit die Region in den kommenden Jahrzehnten nicht neuerlich abgehängt wird und den Anschluss verliert, sind Investitionen in Bildung, Forschung und Technologie unverzichtbar. Gleichzeitig muss es gelingen, junge Menschen, ganz egal ob aus Deutschland oder dem Ausland, für den Osten zu gewinnen. Nur so kann das wirtschaftliche Potenzial der Region auf lange Sicht voll ausgeschöpft werden.

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