NachrichtenStadt Gotha

Storchenland Gotha – Thüringens ältestes Storchennest ist in der Residenzstadt

Das Storchennest als Zeichen der Hoffnung

Dass der Klapperstorch die Kinder bringt, dass denken Jugendliche aus dem Westen seit 50 Jahren nicht mehr. Schuld daran ist einzig und allein „Dr. Sommer“ mit seinen Aufklärungsberichten in der Jugendzeitschrift „BRAVO“, die Oma so gern im Koffer für die Enkeltochter schmuggelte, wenn sie im Interzonenzug vom Verwandten-Besuch aus dem Westen nach Hause kam. Für den Jugendlichen aus dem Osten erledigte diese Aufklärungen in schwarz-weißen Texten ohne Bilder Prof. Bormann in der Zeitschrift „Neues Leben“ oder Jutta Resch-Treuwerth in der FDJ-Zeitung „Junge Welt“. Wegen des Aktfotos von Günter Rössler im „Magazin“ standen wir bis 1989 oft stundenlang am Zeitungskiosk oder boten der netten Dame darin eine andere „Bück-Dich-Ware“. Für eine Schallplatte von Roger Whittaker mit der Hülle aus dem VEB Gotha Druck wurden die Kiosk-Damen schon einmal schwach und zum „Magazin“ gab`s gleich noch ein „Mosaik“ für die Kinder und den verbotenen „Sputnik“ aus der Sowjetunion für die politikinteressierten Eltern.

Doch zurück zum Klapperstorch. Dass das älteste Storchennest Thüringens in Gotha steht, wissen sicherlich die wenigsten. Und viele laufen sogar täglich daran vorbei, ohne es eines Blickes zu würdigen. Mitten auf dem Hauptmarkt, einem der prächtigsten Schauplätze deutscher Geschichte, ist es zu finden. Hier, wo sich wichtige Verkehrswege des Mittelalters kreuzten, Martin Luther 1537 den Platz zum Sterben finden wollte, wo 1567 der Bruch des Ewigen Landfriedens gesühnt worden ist, wo 1818 die duale Berufsausbildung ihren europäischen Siegeszug begann, wo 1820 und 1827 Ernst Wilhelm Arnoldi die Feuerversicherungsbank und die erste deutsche Lebensversicherung gründete und 1945 der erste Frieden in Thüringen erklärt worden ist, steht an der Ecke Hützelsgasse das Haus Hauptmarkt 31. Mancher kennt den sogenannten „schwarzen Mohrenkopf“, der von nebenan auf ein vermauertes Fenster schaut, denn der Besitzer unseres Hauses wollte im 16. Jahrhundert nicht, das sein Nachbar Fenster einbaut. Das Verbot scherte den pfiffigen Nachbarn nicht und er ließ ein Gesicht auf der Wand platzieren, das mit weit aufgerissenen Augen Tag und Nacht beim Nachbarn zum Fenster reinschaut. An der Ecke dieses Nachbarhauses findet sich noch einer der weltweit einmaligen Psalmensprüche. Sie sind runde Steinplatten, die Herzog Ernst der Fromme nach dem letzten verheerenden Stadtbrand vom 10. Juli 1665 den Eckhäusern seiner Innenstadt als Schutz vor Feuersgefahr stiftete. Ist das nicht eine der schönsten Schutzformen weltweit? Und sie hilft, denn seit über 300 Jahren gab es kein Feuer mehr am Hauptmarkt. Die oft unscheinbaren Steinplatten sind eine einmalige Schutzformel „Worte des Glaubens als Hilfe für die Menschheit“. An der Ecke Hützelsgasse heißt es deshalb

„Oh, wie ist die Barmherzigkeit des Herrn so groß und lässt sich gnädig finden, denen, so sich zu ihm bekehren.“

Das Haus, dem wir diese Aufmerksamkeit schenken, heißt im Gothschen Volksmund nur „Bäckerei Bonsack“, denn über Jahrhunderte betrieb die bekannte Gothaer Familie darin ein florierendes Backwarengeschäft. Nachdem das letzte Familienmitglied auszog, begann eine umfassende Sanierung und das Haus wartet dringend auf einen neuen Bäcker. Wer Lust hat, meldet sich und findet in der Wirtschaftsförderung der Stadt Gotha einen kompetenten Ansprechpartner zur Unternehmensgründung.

Seit der Sanierung ist die für Gotha typische Hausmarke noch besser zu erkennen und der Betrachter steht vor dem Haus. Dessen richtiger Name lautet „Zum Storchennest“ oder „Zur Störchin“, denn in der Hausmarke sitzt eine Störchin auf ihrem Nest und zwei Jungstörche recken die Köpfe zu ihr hinauf. Das Haus, etwa 1666 auf einer älteren Kelleranlage erbaut, kann sich mit diesem Zeichen rühmen, das wohl älteste Storchennest Thüringens zu sein. Und zu der Zeit, vor etwa 500 Jahren, wo die Straßen noch nicht die heute gebräuchlichen Namen trugen, waren die Gothschen eben an der „Storchsecke“ zu Hause.

Heute nistet seit Jahren kein echtes Storchenpaar in Gotha, obwohl die fleißigen Bauern fast 4.000 Hektar jährlich pflügen, und so Würmer und Käfer als Futter ans Tageslicht bringen. Auch die nahen Baggerseen locken eher Badelustige als Störche zum Verweilen an. Kommt Zeit, kommt Rat und was nicht ist, das kann noch werden, haben es doch die Wechmarer in der Nachbarschaft bewiesen.

Wechmar, augenscheinlich auch über Jahrhunderte kein Nistplatz für Störche, setzte bei der Restaurierung des alten Mälzerei-Schornsteins eine Nisthilfe auf die obere Plattform. Es war damals eine Idee des Baumeisters aus Ohrdruf, der davon erst den zögerlichen Bürgermeister überzeugen musste. Als der Baumeister kein Geld für diese Nisthilfe forderte, bekam er die Erlaubnis. Einige Jahre wurden die Wechmarer belächelt wegen ihres Storchennistplatzes. Doch dieses neidische Lächeln der Nachbarn erstarb, als am 28. April 2004 erstmals ein Storchenpaar in Wechmar landete und sofort mit dem Nestbau begann. Gleich in der ersten Brut zogen die stolzen Eltern, denen die Kinder aus der „Wichtelburg“ die Namen Johanna und Sebastian gaben, drei Jungstörche groß, die am 13. August 2004, um 15.13 Uhr zu ihren ersten Jungfernflug starteten. Seit 2004 kommen Johanna und Sebastian immer wieder, beziehen ihren Nistplatz und in Wechmar seither sind von Wechmar 39 Jungstörche in die Welt hinaus geflogen. Johann Sebastian Bachs, in Wechmars alter Schule am Kirchplatz wohnender Nachfahre Elmar von Kolson, beobachtet die Störche seit 2004 akribisch, führt Buch über Landungen und erste Flüge, über Fortzug und Heimkehr. In engem Kontakt steht er zum „Gothschen Storchenvater“ Mario Hofmann, der die Storchenpopulation im Landkreis Gotha betreut. Von ihm wissen wir, dass in den Jahren 2010 und 2019 jeweils vier Jungstörche flügge wurden. Drei Jungstörche gab es nicht nur im ersten Jahr 2004, sondern auch 2012, 2014, 2015 und 2016. In den Jahren 2005, 2008, 2009, 2011 und 2017 waren zwei Jungtiere zu beobachten und nur einen Jungstorch erlebten die Wechmarer 2007 und 2013. Im Jahr 2006 war einer der Störche verletzt, so dass es zu keiner Aufzucht kam. Im vergangenen Jahr brachen die drei Jungstörche am 31. August zu ihrer Weltreise auf, die Eltern folgten erst am 21. November. Bereits am 8. Januar 2020 wurde die Heimkehr des ersten Storches gesichtet, der der Partner am 4. Februar folgte. Johanna und Sebastian sind bewundernswert, wie sie oft bei klirrender Kälte, sengender Hitze, bei Sturm und Regen auf ihrem Turm sitzen, die Jungtiere versorgen und dabei das Leben in Wechmar verfolgen, so zur Zeit den aufwendigen Straßenbau in der Langen Straße.

Dass das Storchennest den Wechmarer Glück gebracht hat, ist vielfach bewiesen. Da bekam schon einmal ein Besucher der Gemeindeverwaltung in der Alten Mälzerei einen richtigen Storchenschiss ab, da werden die parkenden Autos in der Sankt-Viti-Straße fröhlich mit Storchenmist dekoriert, doch die Menschen rund um den Mälzereiturm lieben ihre Störche.

Und als zum 1. Deutschen Kinder- und Jugendtrachtenfest 2004 der Storch über die singenden und tanzenden Kinder in Tracht zu seinem Nistplatz hinweg segelte, nahmen dies alle als Hoffnungszeichen, dass Heimat eine glückliche Zukunftsmotivation ist. Und apropos Glück: Im gleichen Jahr gewannen die Wechmarer den Bundessieg im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden – Unser Dorf hat Zukunft“. Mit dem ältesten Storchennest Thüringens ist Gotha nun an der Reihe der Corona-Pandemie 2020 zu trotzen, denn „Stadt und Dorf, egal, wo wir wohnen, das ist unsere Zukunft!“

Knut Kreuch

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