Vom Sparstrumpf in die Cloud: Landet der digitale Euro bald auf dem Gothaer Neumarkt?
Wenn man an einem Samstagvormittag über den Gothaer Neumarkt schlendert, riecht es nach frischen Brötchen, Thüringer Rostbratwurst und Blumen. Bezahlt wird hier traditionell bar. Das Klimpern von Münzen und das Rascheln von Scheinen gehören zur Soundkulisse unserer schönen Residenzstadt wie das Wasserspiel der Wasserkunst. Doch während wir hier noch brav das Wechselgeld nachzählen, braut sich in den hohen Türmen der Europäischen Zentralbank in Frankfurt etwas zusammen, das unsere Art zu bezahlen grundlegend verändern könnte.
Der digitale Euro kommt. Vielleicht nicht heute und auch nicht morgen, aber der Zug hat den Bahnhof verlassen und nimmt Fahrt auf. Dabei ist die digitale Währung für viele von uns gar kein so großer Kulturschock mehr, wie oft behauptet wird. Wir haben uns längst daran gewöhnt, dass Werte nur noch als Nullen und Einsen auf Bildschirmen existieren.
Kein Krypto-Hype, sondern digitales Bargeld
Sei es beim Online-Banking, beim Kauf von Apps oder in der Unterhaltungsbranche. Die Hemmschwelle sinkt stetig. Egal ob Nutzer in einem Videospiel virtuelle Ausrüstung kaufen oder sich entscheiden, auf Unterhaltungsplattformen mit echtem Geld loslegen zu wollen, wie es im Bereich von Online-Casinos oder Gaming-Services der Fall ist, der Prozess ist gelernt. Wir vertrauen darauf, dass der Klick auf dem Bildschirm einen realen Wert überträgt. Der digitale Euro ist im Grunde der Versuch des Staates, dieses Vertrauen, das wir privaten Anbietern längst schenken, auf eine öffentliche, digitale Währung zu übertragen.
Es herrscht oft Verwirrung darüber, was dieser digitale Euro eigentlich ist. Ist das so etwas wie Bitcoin? Nein, absolut nicht. Bitcoin und Co sind spekulative Werte, deren Kurse schwanken wie eine Achterbahnfahrt auf dem Rummel. Der digitale Euro hingegen ist eins zu eins an den Euro gekoppelt, den wir kennen. Ein digitaler Euro ist immer genau einen Euro wert. Er wird von der Zentralbank ausgegeben, was ihn theoretisch zur sichersten Form von Geld macht, die es gibt. Sicherer sogar als das Geld auf dem Bankkonto, denn eine Bank kann pleitegehen, die Zentralbank nicht.
Für die Händler in Gotha und im Landkreis würde das bedeuten, dass sie eine weitere Zahlungsoption anbieten könnten. Mal angenommen, Sie stehen beim Bäcker und halten einfach Ihr Handy an ein Lesegerät oder sogar an das Handy des Bäckers, und der Betrag wird sofort, ohne Verzögerung und ohne Gebühren für einen Mittelsmann, von Ihrer digitalen Geldbörse in die des Bäckers übertragen. Das ist die Vision. Es soll so einfach, anonym und direkt sein wie die Übergabe einer 2-Euro-Münze, nur eben ohne Metall.
Die Angst vor dem gläsernen Bürger
Natürlich regt sich in Thüringen, wo wir unsere Privatsphäre sehr schätzen, auch Skepsis. Wenn jeder Euro digital ist, kann dann der Staat nicht sehen, wofür ich mein Geld ausgebe? Werden wir zum gläsernen Bürger, dessen Einkaufsgewohnheiten auf einem Server in Frankfurt gespeichert sind? Diese Sorgen werden in der Vorbereitungsphase sehr ernst genommen.
Die Europäische Zentralbank verspricht ein hohes Maß an Privatsphäre, besonders bei kleinen Beträgen. Es wird an einer Offline-Funktion gearbeitet. Das bedeutet, dass man digitale Euros auf sein Handy lädt und diese dann ausgeben kann, ohne mit dem Internet verbunden zu sein. Bei diesen Transaktionen würden keine Daten an die Zentralbank fließen. Das wäre dann tatsächlich digitales Bargeld im wahrsten Sinne des Wortes.
Datenschützer schauen hier natürlich ganz genau hin. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Verhinderung von Geldwäsche und der Wahrung der Privatsphäre. Aber die Diskussion ist wichtig. Wir Gothaer sollten uns nicht verschließen, sondern kritisch begleiten, was da passiert. Denn am Ende geht es um unser Geld und unsere Daten.
Wenn das Netz im Thüringer Wald weg ist
Ein Aspekt, der für unsere Region besonders interessant ist, ist die angesprochene Offline-Fähigkeit. Wir alle kennen die Funklöcher im Thüringer Wald oder in den ländlichen Ecken des Landkreises. Wer sich dort bisher auf Google Pay oder Apple Pay verlassen hat, stand oft dumm da, wenn kein Netz verfügbar war.
Der digitale Euro soll genau hier seine Stärke ausspielen. Da der Wert direkt auf dem Gerät gespeichert sein kann, ähnlich wie bei einer Geldkarte früher, funktioniert die Übertragung von Handy zu Handy auch ohne Mobilfunknetz. Das könnte für Hofläden, kleine Cafés im Wald oder den Flohmarktstand eine echte Erleichterung sein. Man braucht kein teures Terminal und keine stabile Internetleitung, um sicher bezahlt zu werden.
Diese Robustheit ist ein Schlüsselfaktor. Ein Zahlungssystem, das bei einem Stromausfall oder Netzstörung zusammenbricht, ist keine echte Alternative zum Bargeld. Bargeld funktioniert immer, solange man Licht hat, um es zu zählen. Der digitale Euro muss beweisen, dass er ähnlich krisenfest ist. Die technische Umsetzung ist kompliziert, aber machbar.
Zeitplan und Ausblick für Gotha
Wann können wir also damit rechnen? Die Vorbereitungsphase der EZB läuft aktuell noch und wird voraussichtlich bis Ende 2025 andauern. Danach wird entschieden, ob und wann der digitale Euro tatsächlich eingeführt wird. Experten rechnen damit, dass es frühestens 2026, eher 2027 oder später so weit sein wird, bis wir die App auf unseren Smartphones haben.
Es ist also kein Grund zur Panik und auch kein Grund zur überhasteten Euphorie. Es ist ein langsamer Prozess der Modernisierung. Für Gotha bedeutet das, dass wir uns langsam an den Gedanken gewöhnen können. Die Händler können sich informieren, die Banken bereiten ihre Systeme vor und wir Bürger können beobachten, wie sich das Konzept entwickelt.
Vielleicht werden wir in fünf Jahren auf dem Weihnachtsmarkt stehen und ganz selbstverständlich mit dem digitalen Euro unseren Glühwein bezahlen. Vielleicht werden wir aber auch weiterhin die Münzen aus der Tasche kramen, weil es einfach Tradition ist. Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus beidem sein. Der digitale Euro ist ein Angebot, keine Pflicht.



