Politik in der Zwickmühle: Spielerschutz oder mehr Freiheit?
Der deutsche Glücksspielmarkt steht vor einem Wendepunkt: Vier Jahre, nachdem der deutsche Glücksspielstaatsvertrag in Kraft getreten ist, beginnt der politische Druck größer zu werden, das komplexe Regelwerk zu reformieren. Es gibt zu viele Beschränkungen und zu wenig Transparenz sowie das Problem, dass Milliarden ins Ausland fließen. Nun will die Politik, dass zentrale Punkte wie Einzahlungsgrenzen, Sperrsysteme und Werberegeln neu geregelt werden. Aber kann das funktionieren?
Spielerschutz und Marktinteresse: Jetzt ist die Politik gefragt
Der deutsche Glücksspielstaatsvertrag war im Jahr 2021 als großer Wurf gedacht. Es war als bundesweites Regelwerk gedacht, das den Online Glücksspielmarkt legalisiert, den Spielerschutz stärkt und den Schwarzmarkt eindämmt. Aber in der Praxis hat sich das ambitionierte Konzept als schwerfällig und auch in einigen Teilen als kontraproduktiv erwiesen. Viele deutsche Spieler fühlen sich von den strengen Limits und Verboten bevormundet, während die lizenzierten Anbieter hingegen über sinkende Umsätze klagen.
In der Politik ist das längst angekommen. Man weiß, dass das bisherige Modell an seine Grenzen stößt. Sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene wird daher aktuell geprüft, wie der Vertrag so überarbeitet werden kann, damit einerseits der Schutzgedanke gewahrt bleibt, andererseits aber der legale Markt stärker wird. Die ersten Vorschläge sollen bereits auf dem Tisch liegen. Eine Umsetzung soll erst frühestens 2028 möglich sein.
Im Mittelpunkt der Debatte steht vor allem die Frage, wie Deutschland den Spagat zwischen Regulierung und Attraktivität schaffen kann. Denn nach den Angaben der European Gaming and Betting Association (EGBA) fließen um die 40 Prozent aller Online Umsätze ins Ausland. Also an Anbieter ohne deutsche Lizenz. Das bedeutet nicht nur Wettbewerbsnachteile für heimische Betreiber, sondern auch verlorene Steuereinnahmen.
Einzahlungsgrenzen und Einsatzlimits auf dem Prüfstand
Doch warum entscheiden sich immer mehr deutsche Spieler für ausländische Online Casinos? Besonders umstritten ist das starre Einzahlungslimit von 1.000 Euro pro Monat, das unabhängig vom Einkommen oder Vermögen des Spielers gilt. Diese Grenze sollte ursprünglich der Suchtprävention dienen, hat sich aber als schwer praktikabel erwiesen. Finanziell gut aufgestellte Spieler, die verantwortungsvoll mit ihrem Budget umgehen, fühlen sich dadurch unnötig eingeschränkt.
Wichtig ist, beide Seiten abzuholen: Den High Roller und den Spieler, der fragt, ob man mit 5€ schon einzahlen kann, weil er sich die Spiele erst einmal ansehen möchte. Nach aktuellem Stand wird im politischen Raum bereits über flexible Modelle diskutiert. Denkbar sind etwa gestaffelte Grenzen, die sich am Einkommen orientieren oder eine individuelle Risikoanalyse, wie sie bereits in anderen europäischen Ländern zum Einsatz kommt.
Auch die Begrenzung des Maximaleinsatzes auf einen Euro pro Spin bei Spielautomaten steht zur Diskussion. Die Branchenvertreter sehen darin eine unnötige Hürde, die das Spielangebot künstlich einschränkt und unattraktiv werden lässt. Zwar ist bislang keine konkrete Änderung beschlossen, doch viele Beobachter rechnen damit, dass eine Reform der Einzahlungsgrenzen automatisch auch den Einsatz pro Spielrunde neu regeln wird.
Sperrsysteme OASIS und LUGAS im Fokus
Zwei zentrale Bausteine des aktuellen Systems, OASIS (Online Abfrage Spielerstatus) und LUGAS (Länderübergreifendes Glücksspielaufsichtssystem), sollen eigentlich sicherstellen, dass Spieler geschützt und doppelte Konten verhindert werden. In der Praxis sorgen die Datenbanken jedoch regelmäßig für Kritik.
Denn viele Spieler beklagen fehlerhaften Sperrungen und Intransparenz bei der Datenverarbeitung. Datenschutzexperten fordern aus diesem Grund auch eine dezentralere Struktur, in der Anbieter selbst stärker in die Verantwortung genommen werden. So sieht der Reformpläne vor, OASIS und LUGAS zu überarbeiten. Mitunter können auch beide Systeme durch ein modernes Modell ersetzt werden. Darüber gibt es aber noch keine genauen Informationen. Dass aber OASIS und LUGAS so bestehen bleiben wie jetzt, kann ausgeschlossen werden.
Das Fehlen von Live-Casinos als Symptom der Krise
Ein weiterer Kritikpunkt: Live Casinos sind verboten. Spiele mit echten Dealern, die per Livestream übertragen werden, sind in vielen Ländern ein zentraler Bestandteil des Online Glücksspiels, weshalb es für die Glücksspielfans nicht nachvollziehbar ist, warum dieses Angebot in Deutschland untersagt wurde.
Für viele Spieler ist das Live Casino nämlich auch der entscheidende Grund, wieso man nach Anbietern mit internationaler Lizenz sucht. Laut aktuellen Schätzungen fließen dadurch jährlich bis zu 600 Millionen Euro ins Ausland. Aus diesem Grund drängen Branchenvertreter, die Live Dealer Spiele unter klaren Auflagen wieder zuzulassen. Schließlich könnte man etwa mit strengen Alterskontrollen und Einsatzlimits arbeiten.
Wenn der Staat nämlich die populärsten Spielformen verbietet, treibt er die Spieler unweigerlich auf den Schwarzmarkt. Eine Öffnung des Live Segments könnte dagegen helfen, Kapital im Land zu halten und gleichzeitig die Kontrolle zu behalten.
Werberegeln und europäische Perspektive
Auch die aktuell gültigen Werbebeschränkungen sollen im Zuge der Reform überprüft werden. Derzeit darf in der Zeit zwischen 6 Uhr und 21 Uhr für kein Online Casino in Deutschland geworben werden. Weder im Fernsehen noch auf Radiokanälen. Mit dieser Regelung, die heute als überholt gilt, wollte man vor allem Jugendliche schützen.
Derzeit wird diskutiert, ob zumindest bei Podcasts, auf Streaming Plattformen oder bei zielgruppenspezifischer Online Werbung eine Ausnahme bezüglich des Zeitfensters gemacht werden kann. Ein moderneres Werberecht könnte die legalen Anbieter sichtbarer machen und den illegalen Markt dadurch schwächen.


